Nachts um 01:11 schnell noch was ins Blog schreiben
Als ich heute von der Arbeit zurück gekommen bin, hab ich einen alten Bekannten getroffen. Der war gerade auf Weg zum Tatort eines Mordes, der ein paar Stunden vorher verübt worden war - in der Strasse seiner Freundin, auf meinem alltäglichen Weg zur Arbeit. Ich wollte natürlich auch einen Blick auf das Geschehen werfen und ging mit (war ja auch kein grosser Umweg, da es auf dem Weg lag). Da der Mord schon etwas länger her war, gab es nicht viel zu sehen. Das beeindruckendste war eigentlich die Menschenmenge, die sich dort versammelt hatte um zu gucken, obwohl es eigentlich nicht viel zu sehen gab. Keine Leiche, keine Blutlache, ein paar weinende entfernte Verwandte oder Nachbarn. Vielleicht einfach nur sentimentale Schaulustige. Und die Jungs von der Spurensicherung, die im Haus des Opfers dessen Mutter befragten (eine Frau erzählte mir, dass sie den Mord miterlebt habe und den Täter kenne).
Als ich mich - etwas enttäuscht - vom Tatort entfernte, ging mir durch den Kopf, wie kaltblütig ich mit der Situation umgegangen war. Hätte ich bestürzt sein müssen? Angst haben müssen? Immerhin war vor zwei Stunden circa 600m Luftlinie von mir jemand erschossen worden. Aber auf der anderen Seite geht das Leben auch weiter, ich kenne weder Täter noch Opfer. Ich habe lediglich eine Schlagzeile aus der Nähe gesehen. Ich weiss nicht, wie ich hätte reagieren sollen. Wahrscheinlich gibt es kein Patentrezept.
Dieser Mord war übrigens der zweite innerhalb eines Monats den ich knapp verpasst habe. Der andere war noch etwas knapper, und ist vier Strassen von meiner verübt worden. Ein Barbesitzer hatte sich mit irgendwem gestritten, es kam zu Handgreiflichkeiten und am nächsten Tag musste er um zwei Uhr nachmittags auf offener Strasse die Konsequenzen tragen: Zwei Kugeln in den Kopf.
Ich kam ungefähr eine halbe Stunde nachdem die Sache passiert war an (war gerade auf dem Weg zum Theaterkurs). Die Stelle war voller Menschen; alle bestürzt, aufgeregt und ein Bisschen tratschsüchtig (mich eingeschlossen). Die Leiche war gerade abgeholt worden und in der Bordsteinrinne gab es noch eine überraschend grosse Blutlache zu sehen, zusammen mit anderem, nicht identifizierbarem Material - mein erster Gedanke war Gehirn, aber im Nachhinein halte ich Stoff für wahrscheinlicher. Es roch wie in einer Fleischerei. Für mich eine ziemlich banale, aber irgendwie erschreckende Vorstellung. In der Nähe der Blutlache standen die Augenzeugen, die den Zuspätgekommenen alles bericheten.
Insgesamt ist hier alles beim Alten. Ich habe nur noch sechs oder sieben Wochen hier in Petrolina und halte das für viel zu wenig. Habe zugegebenermassen schon viel zu lange nichts mehr geschrieben, aber wer weiss, vielleicht halte ich es ja jetzt bis zum Ende nochmal durch.